Interview Marco Schwalbe STROKE.ARTFAIR München 2011

Marco Schwalbe ist zusammen mit Raiko Schwalbe Mitveranstalter der STROKE.ARTFAIR. Vor Ort bekam ich die Gelegenheit ihn Fragen über die Urban Art Kunstmesse zu stellen. Es freut mich nun sehr euch dieses Interview vorzustellen mit besonders ehrlichen, genaueren und unzensierten Blick hinter die Kulissen dieser Veranstaltung.

artpjf: Bitte stelle dich kurz vor und erkläre die Idee zur STROKE.ARTFAIR 2011.

M.S.: Ich heiße Marco Schwalbe, bin 35 Jahre alt und mache die Messe gemeinsam mit meinem Bruder Raiko. Die Idee zur Messe ist 2008 in Berlin entstanden. Mit weiteren Galeristen haben wir beschlossen eine gewisse alternative Veranstaltung zum Artforum zu machen; die ist leider etwas versandtet. Wir sind daraufhin als Galerie nach München gekommen, da mein Bruder schon seit über 12 Jahren hier lebt, und haben eine Pop-up-show gemacht zu über 1500 Besucher kamen. Überrascht und begeistert von dem Erfolg haben wir beschlossen weiter zu machen. Da kam uns die Idee einer alternativen Messe; in der Zwischenzeit hatten sich dann auch bessere Netzwerke ausgebildet. Wir hatten bei der ersten Messe über 7000 Besucher. Nun sind wir schon bei der vierten Ausgabe der STROKE.ARTFAIR.

artpjf: Was ist deine persönliche Motivation eine Kunstmesse wie die STROKE.ARTFAIR zu veranstalten?

M.S.: Die grundsätzliche Idee ist aus dem Bedarf gewachsen. Ich habe mich für Kunst früher überhaupt nicht interessiert, ich fand auch Kunstunterricht völlig langweilig. 2000 gab es dann den ersten Boom in der Street Art – Graffity war da Teil der Hiphop Kultur, das habe ich parallel mitverfolgt. Ich war selber in dem Bereich tätig und habe mich weiter darüber informiert und einfach bemerkt wie viel sich in dem Bereich entwickelt hat. Die Idee der Urban Art Galerie folgte. Wir haben in dem Moment gar nicht groß ans Geld verdienen gedacht und wollten einfach etwas in dem Bereich machen, weil es zu dem Zeitpunkt als Kunst nicht wirklich anerkannt war und als Subkultur belächelt wurde. Eines folgte nach dem anderen und jetzt hat sich diese Idee zu einer Kunstmesse, also einer Verkaufsveranstaltung entwickelt. Primär geht es darum jungen, talentierten Künstlern eine Plattform zu bieten, auf der sie sich professionell präsentieren und somit sich den Regeln des Kunstmarktes in gewisser Weise öffnen können, ohne ihnen zu folgen. Die STROKE.ARTFAIR ist beispielsweise viel günstiger als eine klassische Messe; wir kosten ein Zehntel bis zu einem Zwanzigstel weniger als eine normale Kunstmesse.

artpjf: Urban Art definiert sich unter anderem als eine Kunstform, die einem breiten Publikum frei zugänglich gemacht werden soll. Street Art Künstler profitieren finanziell nicht von Arbeiten, die sie auf den Straßen produzieren, so hat das ganze eine sehr “puristische” Form – Kunst wird um der Kunstwillen hergestellt. Wird deiner Meinung nach genug getan um das Ganze zu etablieren?

M.S.: Es gibt diesbezüglich noch viele Missverständnisse – das Thema Urban Art ist nicht wirklich definiert und es hat auch eben fälschlicherweise für viele den Kontext, dass es unbedingt Kunst sein muss, die sich im urbanen Raum abspielt oder dort installiert wird. Das ist es für uns eben nicht. Die Basis der Veranstaltung ist das urbane Umfeld, die Zeit in der wir leben . Das spiegelt sich in unterschiedlichen Stilen auch wider. Es ist eben nicht nur Street Art und Graffiti – da gehört auch klassische Malerei, Illustration, Comic, Tattoo-Kunst, Grafik-Design und vieles mehr dazu. Wir glauben, dass Urban Art als Kunst des 21.Jahrhunderts zu definieren ist, weil sie einfach der Art und Weise wie wir leben, wie wir in einem globalen Netzwerk kommunizieren, entspricht. Wenn man sich etwas Zeit nimmt und sich die Werke genauer ansieht, wird man oft, wenn man ein wenig kunsthistorisches Interesse hat, Stile aus anderen Zeiten wiederekennen, da wird ja nichts mehr völlig Neues erfunden. Es geht vielmehr darum Dinge zu adaptieren, zu arrangieren, zu “remixen” wie man auch sagt. Das, denke ich, ist eben typisch für Urban Art.

artpjf: Wieso glaubst du erkennt man das Potenzial von Urban Art in Europa nicht so schnell und intensiv wie in den USA?

M.S.: Ich schätze den Europäern fehlt dieser radikale Geschäftssinn. Es gibt natürlich ein paar Stile die in den USA wesentlich populärer sind, wie zum Beispiel Low Brow oder die Toykultur, die hier in Europa keine Rolle gespielt haben. Im Bereich Graffiti sind die Amerikaner oft überrascht was sie für eine Vielfalt in Europa entdecken.

artpjf: Wie würdest du einen 16jährigen Teenager und einen 75jährigen Rentner dazu bringen zu der Veranstaltung zu kommen?

M.S.: Beide anzusprechen gehört zu unseren Zielen. Den Prozess den wir antreten wollen ist eine gewisse „Demokratisierung der Kunst“, das heißt, wir wollen weg von elitären Aspekten, weg von einer “Überintellektualisierung” der Kunst. Ich habe mich mal in München mit einer 70-jährigen Dame unterhalten;  sie meinte, dass sie sich eigentlich nicht für Kunst interessiert, aber das was sie hier sieht, findet sie ganz fantastisch. Es geht nicht darum so zu tun, als ob irgendwo ein Kontext wäre. Vielmehr soll am Ende jedem selbst überlassen bleiben was und warum ihm etwas gefällt. Mir ist es persönlich egal, ob hinter dem Bild eine Meinung steckt oder nicht, ob der Künstler sich was dabei gedacht hat oder nicht. Je mehr man sich mit Kunst beschäftigt, desto mehr sieht man, dass das Kunstgeschäft ein sehr “toughes” Geschäft ist. Diese ganzen Prinzipien wie Kunst vermarktet wird ist eine sehr durchdachte, radikale Sache. Wir wollen einfach, dass die Leute hier ganz frei kommen und sich auch wohl fühlen. Man soll nicht das Gefühl haben, dass man unerwünscht ist, wenn beispielsweise in kurzen Hosen kommt oder einfach eben sagt, dass man nicht genau weiß, werder Künstler ist oder woher der Kunststil stammt.

artpjf: Deine Wunschvorstellung für die  STROKE.ARTFAIR 2015?

M.S.: Wir denken nicht in solch weiten Dimensionen, da die Stroke an sich kein Wirtschaftsunternehmen ist; das war uns von Anfang an klar. Mit so winzigen Teilnahmegebühren kann man nicht wirtschaftlich arbeiten. Wir sind auf Sponsorings und die Zuschauer angewiesen und sind nie den Weg gegangen nach öffentlichen Mittel zu fragen, was viel zu lange dauert – die Voraussetzungen sind oft viel zu kompliziert. Es gibt ja heutzutage sogar Studiengänge wie man europäische Förderung beantragt; mit der Dynamik die wir arbeiten, haben wir für sowas gar keine Zeit.

Mein persönliches Ziel für die nächsten ein bis zwei Veranstaltungen wäre, dass wir soviel Budget zur Verfügung haben, sodass die Teilnahme für die Künstler oder Galerien umsonst ist. Die Bewerbungsmechanismen sollten viel freier umgehen werden können, um aus der Veranstaltung noch mehr rauszuholen.

artpjf: Ich hoffe das wird euch gelingen und danke dir für das Interview.

M.S.: Vielen Dank.

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