Take me here by the Dishwasher – RAGNAR KJARTANSSON @ BAWAG Contemporary

Die neue Arbeit Take me here by the Dishwasher, die Ragnar Kjartansson für seine erste Soloshow in Österreich konzipiert hat, ist, auch wenn es zunächst nicht so aussieht, eine Art Selbstporträt. Die Empfängnis des Künstlers liegt in einem Nebel aus Realität und Fiktion. In eine Familie von Schauspielern und Theaterleuten geboren, könnte Ragnar Kjartansson auf dem Set von Islands erstem Spielfilm gezeugt worden sein. In Morosaga von Reynir Oddsson spielt seine Mutter, Guorun Asmundsdottir, eine einsame Hausfrau, der Vater, Kjartan Ragnarsson, den Installateur, den sie in ihren Träumen ruft, um den Geschirrspüler zu reparieren. In der Tat fällt Kjartans Conceptio in den Zeitraum, in dem die Liebesszene auf dem Küchenboden gedreht wurde. Der alles entscheidende Moment ist im Filmloop zu sehen und wird von Troubadouren kommentiert. Sie entsprechen dem nordischen Sänger- und Erzählertypus und dingen zur herzzerreißenden Musik von Kjartan Sveinsson folgenden Filmdialog:

Mum (sieht zum Geschirrspüler hin): Here she is.

Dad (mit Kennerblick): Is this her?!

Mum (zweifelnd): Yes, here she is. Do you think she can be fixed?

Dad (derb): Yes, I’m afraid so.

Mum (hingebungsvoll): I’m desperate!

Dad (beruhigend): Don’t you worry. I’ll fix it.

Mum (einladend): Show me what you can.

Dad (zweifelnd): Here?

Mum (herausfordernd): Are you a man? Show me what you can do to me… Take off my clothes! Take me, take me here by the dishwasher.

Den mütterlichen Filmtraum übersetzt Ragnar Kjartansson in verkatertes Männervolk nach durchzechter Nacht. Nun ist der Typus des Kerls an der Gitarre eine Chiffre der globalen Jugendkultur und des rebellischen Aufbegehrens, ein geradezu ikonisches Symbol der Popmythologie. In der Ausstellung geht das Superzeichen eine leicht erschöpfte Verbindung mit Bier und Zigaretten ein. Eine Soundskulptur entsteht, eine Social Sculpture als kaputte Version von Nietzsches immerwährender Wiederkehr des Gleichen. Mantramäßig wiederholen die Barden ihr Lied und binden die Szene in einen endlosen Loop ein, der die Grenzen zwischen Kunst und alltäglischem Leben verwischt.

Komponist des Soundtracks ist Kjartan Sveinsson, Keyboarder der legendären isländischen Postrockband Sigur Ros und Autor großartiger Filmmusik, darunter jener für den oskarnominierten Kurzfilm The Last Farm von Runar Runarsson.

(Quelle: Publikation der Ausstellung, BAWAG Contemporary)

her ARTic impression:

Ragnar Kjartansson’s „Art Selbstporträt“ ist eine Ode an das Leben. Seine Arbeit ist eine Erhebung zum Status von Künstler, Werk und Publikum. Der Künstler produziert Requisiten für Tableaux Vivants und Rollenspiele, die Teile eines sehr persönlichen Identitätspuzzles sind. In der Ausstellung geht es um den Moment, es ist ein zeitgebundenes Werk, in dem Kunst passiert – Performance, die Kunst des Flüchtigen, der Inszenierungen, der Extreme und der Show.

Der ahnungslose Betrachter betritt den Ausstellungsraum und wird konfrontiert mit Straßengesang geschmückt mit gelb etikettierten Bierflaschen und Zigarettenstummeln. Mehr oder weniger gefangen in seiner Rolle bewegt man sich nun durch den Raum.

Doch nicht. In Wahrheit sucht man sich ein Eck, möchte nicht stören und sich der Situation so außerhalb wie nur möglich klar werden. Performance Situationen brauchen in Ausstellungsräumen eine besonders lange Eingewöhnungszeit. Der Gesang wirkt allerdings sofort auf den Besucher ein, der sich dieser emotionalen Situation nun hingeben muss. Zum Trinken wird man aufgefordert. Rauchen ist erlaubt, Zigaretten stehen zur freien Entnahme. Ein ruhiges Gemüt stellt sich ein, der den einen oder anderen zur Nostalgie aufrufen könnte. Kjartansson wirkt mit seiner Kunst stark auf den Besucher ein, falls dieser sich ihr auch hingibt.

Performance erstreckt sich in die Tiefe der Zeit, ist Kunst mit Handlungsbedarf.

Empfehlenswert für besonders Erlebnisfreudige der Kunst.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Juni.

  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: