Posts Tagged ‘ ausstellung ’

DAN FLAVIN – Lights @ mumok, Wien

Der US-amerikanische Künstler Dan Flavin (1933–1996) hat ab den frühen 1960er-Jahren mit handelsüblichen Leuchtstoffröhren in genormten Dimensionen und Farben ein unverwechselbares Œuvre geschaffen. Präzision und Kalkül verbinden sich darin mit sinnlicher Ausstrahlung. Die Ausstellung Dan Flavin –Lights zeigt erstmals in Österreich Flavins Lichtarbeiten in einem repräsentativen Überblick. Mit rund 30 Arbeiten verdeutlicht die Ausstellung die frühe Entwicklung vom bild- zum lichtbezogenen Werk anhand ausgewählter icons und spannt den Bogen über zentrale Einzelarbeiten aus fluoreszierenden Röhren bis hin zu den späten, seriellen und raumgreifenden Werken. Von der ersten, diagonal auf die Wand gesetzten „goldenen“ Röhre, über die “monuments” for V. Tatlin bis zu rauminstallativ eingesetzten Werken wie an artificial barrier of blue, red and blue fluorescent light (to Flavin Starbuck Judd) werden im mumok die künstlerische Vielfalt und die Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar, die Flavin der kommerziell verfügbaren Leuchtstoffröhre mit beeindruckender Konsequenz abzugewinnen verstand.

Mit der Wahl der Röhren als Werkmotiv und -material signalisiert Flavin die Annäherung der Kunst an die Alltags-und Konsumwelt. Ihre Präsentationsweisen folgen den Prinzipien minimalistischer Nüchternheit, die sie aber zugleich farbig überstrahlen. Die damit geschaffene Überwindung traditioneller Kunstgattungen und Werkformen besitzt bei Flavin ihre Vorstufe in den sogenannten icons (1961–1964), die den Bildkörper durch angeschraubte Glühbirnen und Leuchtstoffröhren entgrenzen. Die icons ersetzen die sakrale Bedeutung des Lichts durch ein profanes Leuchten, das an Lichtreklame und Zimmerlampen erinnert. Sie spiegeln mit der Befreiung von tradierter Lichtmystik auch die Selbstbefreiung des Künstlers von seiner religiösen Erziehung wider. Mit ihnen verwandelt sich das Bild zum leuchtenden Wandobjekt, bevor Flavin durch das Anbringen von Leuchtstoffröhren an neuralgischen Stellen des Raumes die letzten Reste gängiger Bildvorstellungen tilgt. Als erste Experimente Flavins mit künstlichem Licht zeichnen die icons den Weg vor, den er in der Folge mit den Leuchtstoffröhren konsequent weitergehen wird.

In the diagonal of may 25, 1963 (to Constantin Brancusi), 1963, wird erstmals und kompromisslos die Röhre zum Objekt luminöser Selbstinszenierung. Ohne jegliches Beiwerk entfaltet sie eine Leuchtkraft, die übliche Grenzziehungen zwischen Werk, Raum und Betrachter ebenso außer Kraft setzt wie die Trennlinie zwischen rationaler Form und poetischer Erscheinung.

Flavins Lichtarbeiten spielen nicht nur auf aktuelle Alltagserfahrungen an, sondern verweisen auch auf die Moderne, in der die Demokratisierung und Funktionalisierung der Kunst zur Veränderung der Gesellschaft angestrebt wurden. Deutlich wird dies, wenn die Röhren zu geometrischen Formen getürmt sind, wie in den “monuments”for V. Tatlin (ab 1964). Diese bis in die 1990er-Jahre fortgesetzte Werkserie bezieht sich auf den Entwurf eines unrealisierten Bürogebäudes des russischen Künstleringenieurs Vladimir Tatlin für die III. Internationale. Flavin verweist mit seinen “monuments” einerseits auf das Bekenntnis der Konstruktivisten zur Industrialisierung. Andererseits führen sie deren Einfluss auf Flavins eigene sowie die Material- und Formensprache der Minimal Art vor Augen.

Auch die in den Werktiteln angegebenen Widmungen an nahe Verwandte und Freunde sowie an Persönlichkeiten des Kunstbetriebes, politische Repräsentanten und historische Ereignisse spiegeln die Verschränkung künstlerischer und gesellschaftlicher Interessen bei Flavin wider. Darin unterscheidet er sich maßgeblich von Künstlerkollegen wie Donald Judd oder Robert Morris und der von ihnen ausgerufenen Programmatik der Minimal Art, die gegen alles Persönliche, Subjektive und Politische im Werk gerichtet war.

Einen Höhepunkt raumbezogener Lichtkunst in der Eingangsebene des mumok bilden die European Couples, deren Röhrenquadrate die Raumecken überblenden und die Betrachter gleich zu Beginn in imaginäre, ineinander verschwimmende Farbräume tauchen.

Gemeinsam mit den Lichtarbeiten werden Zeichnungen gezeigt, die zum einen den Prozess der Werkplanung und zum anderen Flavins bildnerische Sensitivität dokumentieren.

Die Ausstellung wurde von Rainer Fuchs kuratiert und entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum St. Gallen und mit Unterstützung des Dan Flavin Estate und Stephen Flavin. Gerade die durch unterschiedliche Raumvorgaben in Wien und St. Gallen begründeten Abweichungen der Präsentationen machen Dan Flavins unerschöpflichen und zugleich präzisen Umgang mit verschiedenen Raum- und Architekturkonzepten erfahrbar.

mumok.at

her ARTic impression:

Die körperliche und visuelle Wahrnehmung erfährt in der Ausstellung Dan Flavin – Lights eine besondere Intensivität. So ist das Kunstwerk nicht nur die ausgestellte Leuchtstoffröhrenformation, sondern auch gleich der Raum den sie umgibt und die warme oder kalte Tonalität ausstrahlt. Der Betrachter wird in diesen vorbestimmten und nicht auszuweichenden Gefühlsraum förmlich gedrängt – ein Kunsterlebnis mit hohem Immersionscharakter.

Doch der Ausstellungsbesucher sucht verzweifelt nach einer höheren oder wenigstens klaren Deutung/Bedeutung in diesen sonst so herkömmlichen Alltagsgegenständen. Was wird hier überhaupt beleuchtet? Was soll dieser Leuchtstoffrahmen, der mich nichts zu sagen scheint? Nicht mal ein Bild, oder wenigstens ein Leuchtstoffröhrenspruch?

Naja, was steht denn da auf den Wänden… Aha… icons… Ikonen… aha, aha, jaja!

Manchmal ist es bereichernder, einfach nicht zu lesen was da auf den Wänden steht und blind/blöd in die Ausstellung zu gehen, sich vollkommen auf diese Objekte einzulassen, sich Zeit zu lassen, die alltägliche Funktion dieser Gegenstände zu entwenden und sich einfach mal in den weiten Räumen “bestrahlen zu lassen“ – ohne Informationsabsorption, ohne dringliche Aufforderung zum Konsum, ohne Hautkrebsrisiko – ohne etwas und einfach mit nichts.

Dem Pragmatiker zu kompliziert, dem Wissenschaftler ganz und gar unakademisch, dem Träumer und Ironiker gerecht?

Ich verlasse die Ausstellung nach einem netten Plausch mit dem Ausstellungsaufseher und schmunzle über die Leuchtstoffröhre in der U-Bahn.

Die Ausstellung ist noch bis 03.02.2013 im mumok zu sehen.

Dan Flavin Veranstaltungshinweis: Lecture mit Juliane Rebentisch, Freitag, 23. November 2012, 19 Uhr – Anlässlich der Ausstellung Dan Flavin – Lights beschäftigt sich Juliane Rebentisch, Kunsttheoretikerin und Philosophin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main, in ihrer Lecture mit Flavin als einem der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Minimal Art. Sie fragt danach, wie das Verhältnis von Kunst und Design, von Werk und Situation, Singularität und Serialität, Transzendenz und Ironie, Subjekt und Objekt heute gedacht werden muss und was aus zentralen ästhetischen Kategorien wie jenen des Schönen und des Erhabenen im Industriezeitalter wird. Und schließlich, durch all diese Fragen hindurch: So evident dieser zuvor genannte Eindruck im Falle von Flavins Arbeiten zunächst sein mag –wie kann ihre Präsenz näher bestimmt werden?

Advertisements

Interview mit Street Art Kunstsammlerin Isabel Königsstetter

Isabel Königsstetter, eine passionierte Street Art Sammlerin aus Wien, hat sich vor einiger Zeit bereit erklärt mir ihre mit Leidenschaft gefüllte Kunstsammlung zu demonstrieren. Ich kenne Isabel aus eins der vielen INOPERAbLE Vernissagen und wusste, dass sie „Stammkundin“ der Galerie ist. Bei einem ersten Besuch in ihr trautes Heim sprachen wir über das Paradoxon Straßenkunst in seine eigene vier Wände zu stellen, die letzte große Street Art Ausstellung im MOCA in L.A. und die nächsten upcoming artists in der Street Art Szene. Ein Nachmittag ganz einer Diskussion über Street Art und Co. gewidmet – besser geht’s nicht.

Fotos von Dimitri Aschwanden

artpjf: Wieso Street/Urban Art? Ist es nicht, rein begrifflich gesehen, ein Widerspruch in sich Kunst von der Straße zu sammeln?

I.K: Begrifflich vielleicht, aber das spielt keine große Rolle für mich. Nicht alle gehen den Weg in die Galerien oder bieten gerahmte Kunst zum Verkauf an; ich denke es ist gut und wichtig, wenn es auch solche Street Artists gibt. Aber ich freu mich dennoch und finde es spannend, wenn es manche in die Galerien schaffen und dort Anerkennung für ihre Arbeiten erlangen und imstande sind mit ihrer Kunst Geld zu verdienen. Darum geht es ja hauptsächlich.
artpjf: Wieso keine normale, renommierte zeitgenössische Kunst aus renommierten zeitgenössischen Galerien?

I.K.: Das würde meinen Rahmen sprengen. Wenn ich mich auch noch für ‚klassische’ zeitgenössische Kunst interessieren würde, hätte ich Angst, mich komplett darin zu verlieren.. Mein Herz schlägt für Street Art, Kunst die außerhalb diesem zeitgenössischen Kunstmechanismus steht.
artpjf: Würdest du ein Piece von einem Street Artist aus der Wand reißen oder auf eine andere entfernen, um es bei dir aufzuhängen?

I.K.: Niemals! Das wäre Diebstahl an der Gesellschaft. Die Kunst sollte frei zugänglich und für jede/n sichtbar sein. Ich finde auch den Aspekt der Vergänglichkeit wichtig für Street Art; dass die Werke mit der Zeit ihre Farbe verlieren oder darüber gemalt wird. Das gehört zu den Spielregeln dazu, das nehmen die Künstler auch in Kauf.


artpjf: Sollte deiner Meinung nach Straßenkunst legalisiert werden?

I.K.: Absolut. Aber tags sollten ebenfalls Teil davon sein, auch wenn das viele als reine Schmiererei empfinden und als unschön betrachten – tags gehören dazu.

artpjf: Was sagst du zur Ausstellung „Art in the Streets“ die von April bis August 2011 im MOCA in LA lief? Man hat in dieser Ausstellung versucht Street Art und Graffiti in einen historischen Kontext zu stellen und hat dabei unterschiedliche Positionen internationaler Street und Graffiti Artists gezeigt. (Bericht zur Ausstellung auf stylemag-online.net)

Der Dokumentarfilm der Ausstellung OUTSIDE IN, das im Gegenpart zum bekannten Street Art Kurzfilm INSIDE OUTSIDE steht (mehr dazu im Artikel From Graffiti to Street Art @ Urban Art Galerie INOPERAbLE Wien), zeigt den Aufbau der Ausstellung, sowie die unterschiedlichen Statements der Künstler und die Reaktionen der Museumsbesucher. Wie hast du auf den Film beziehungsweise die Ausstellung reagiert?

.

.

I.K.: Mir sind die Tränen gekommen. Es war Wahnsinn all diese wichtigen und unterschiedlichen Künstler zusammen in einem Museum zu sehen. Die Geschichte mit Jeffrey Deitch und Blu kann man sehen wie man will… ist eine arge Aktion… aber ich verstehe beide Seiten.

artpjf: Was ist da genau passiert?

I.K.: Jeffrey Deitch ist ja der neue Leiter vom MOCA. Er hat Blu beauftragt die Rückwand vom MOCA zu bemalen und war aber zu der Zeit nicht in der Stadt. Blu hat dann zusammen mit seinen Helfern begonnen ein massives Panorama von Särgen drapiert mit Dollar Scheinen zu malen. Das Problem war, dass gegenüber vom Museum das L.A. Veterans‘ Affair Hospital war, sowie das Go For Broke Monument, das zu Ehren der japanischen und amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Als Jeffrey Deitch dann zurückgekommen ist, war Blu noch nicht mal fertig mit der Arbeit. Sofort ließ man die Wand übermalen und Blu wusste nichts davon. Das war das große Skandal rund um diese Ausstellung.

Blu ist bekannt dafür, dass er so provokante Sachen malt und es gab dann eine riesen Medientrubel rund um diese Sache. Die nächste Katastrophe war, dass KATSU, ein amerikanischer Künstler, der mit Feuerlöschern seine tags macht, erwischt und verhaftet wurde, und einige andere wie Space Invader.

Das Konzept an sich, die Geschichte von Graffiti und Street Art in der Ausstellung zu zeigen, finde ich ganz toll. Das Video zeigt die Aufbautage, wie sie sich alle treffen und alle wochenlang an dieser Ausstellung nebeneinander arbeiten. Swoon, Os Gemeos zum Beispiel haben alle ihre Wunderwelten aufgebaut, das war fantastisch! Ich find‘s toll, dass diese Kunstbewegung es in ein so großes Museum geschafft hat. Für mich ist die Graffiti und Street Art Bewegung das größte „Kunst Movement“ seit Pop Art. Es ist riesig und es hat es auch verdient, gezeigt zu werden. Es trägt vor allem auch zum Verständnis bei. Das war sicher aufklärend.

artpjf: Was sind die Schwierigkeiten beim Erwerb von Street/Urban Art Werken?

I.K.: Es ist oftmals schwierig limited Edition Drucke von bekannten Künstlern zu erwerben. Das kann manchmal ziemlich aufregend sein, wenn zum Beispiel die Stückzahl so gering ist, dass die Stücke innerhalb von 3 Minuten ausverkauft sind. Manche Künstler stellen dann nicht in Galerien aus, sondern verkaufen eben ab und an Drucke, weil sie Kohle Geld brauchen. Es ist dann vielmehr eine Glückssache, ob man sein Stück bekommt.

artpjf: Hast du alle Künstler mal persönlich kennengelernt? Ist dir dieser Aspekt wichtig?

I.K.: Ein paar kenn ich persönlich, aber nicht alle. Im Grunde genommen ist mir das überhaupt nicht wichtig. Man hat so seine Vorstellungen von den Künstlern… Ich bin da schon ein paar Mal enttäuscht worden. Wichtig ist mir vielmehr das Kunstwerk an sich.


artpjf: Wie siehst du die weitere Entwicklung dieser Kunstform? Einige Galerien haben sich bereits im Laufe der Jahre etabliert und ihr Klientel gebildet (aus unterschiedlichsten sozialen Schichten). Der Kunstmarkt ist schon seit einiger Zeit auf den Street Art Zug angesprungen, man denke zum Beispiel an die Banksy Auktionen in Sotheby’s. Es gibt sogar schon Urban Art Kunstmessen wie die STROKE in Deutschland. Alles nur ein Hype oder doch eine ernst zu nehmende Kunstentwicklung?

I.K.: Ich find es gut, dass Street Art sich in den Galerien etablieren konnte und viele Street Artists sich einen Namen gemacht haben und als Künstler Anerkennung verdienen konnten. Momentan hat man das Gefühl die Entwicklung würde ein bisschen schlafen, der große Hype ist jetzt mal wieder vorbei. Aber ich denke, dass Street Art nicht nur als Hype anzusehen ist, sondern als eigenständige Kunstentwicklung.

artpjf: Welche Ansätze sind dir beim Sammeln der Kunstwerke besonders wichtig? Geht es
allein um den Bekanntheitswert des Künstlers, dem Stück selbst oder hast du eine bestimmte
Sammlerstrategie?

I.K.: Es ist eigentlich ganz einfach, ich kaufe immer das was mir gefällt. Wie man sieht, sind nicht alle Werke von renommierten Künstlern, obwohl ich von ein paar Bekannteren auch gerne was habe. Ich habe eigentlich keine bestimmte Sammlerstrategie. Für mich ist aber die künstlerische Entwicklung eine wichtige Sache. Es sollte nicht immer dasselbe sein, obwohl ich auch verstehen kann, dass es bei vielen Street Art Künstlern dazu beiträgt ihre Marke zu bewahren und möglichst schnell und einfach wiedererkannt zu werden. Bei ROA zum Beispiel, habe ich das Stück eher gekauft, weil es eben ein ROA ist und er als ein wesentlicher Part der Street Art Geschichte zu betrachten ist. Aber meine Käufe sind ansonsten, denk ich, meistens emotional: entweder es berührt mich und ich will es unbedingt haben, oder eben nicht.


artpjf: Was machst du wenn dir mal der Platz in der Wohnung fehlt? Würdest du Stücke
weiterverkaufen?

I.K.: Das Problem habe ich jetzt schon, aber ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht… Vielleicht eine größere Wohnung suchen?


artpjf: Welche Künstler denkst du werden demnächst groß rauskommen?

I.K.: Ich denke Aryz, Jaz und Other sind gut dabei. Da bin ich auf ihre Weiterentwicklung sehr gespannt.

artpjf: Schon Ideen für die nächsten Anschaffungen?

I.K.: Von Miss Bugs und Peru Ana Ana Peru möchte ich unbedingt noch etwas haben.

artpjf: Vielen Dank für die Einladung und das Gespräch!

Mehr Fotos auf flickr.

Valie Export @ Charim Galerie, Wien

„Das künstlerische Schaffen von Valie Export ist in wesentlichen Teilen von der Erweiterung des Bildbegriffes, der Hinterfragung von Bildgrammatiken und Konzepten des Kinos, von konzeptueller Fotografie und von Werkprozessen, die mit dem Begriff des „Anagrammatischen“ charakterisiert werden, geprägt. Vielfach wirken die Auseinandersetzungen mit diesen Themen ineinander. So beispielsweise im Avantgardefilm „Syntagma“, in welchem Bildfindungen aus der Serie der Körperkonfigurationen und Gestaltungselemente aus den Serien der konzeptuellen Fotografien zu finden sind. Die Leitlinie der gegenwärtigen Ausstellung von Valie Export in unserer Galerie führt entlang dieser Grundgedanken, der Verschränkung von unterschiedlichen Medien und Bildkonzepten.

„Ein durchsichtiges Plexiglasobjekt, auf der einen Seite kantig, auf der anderen abgerundet. Der skulpturale Behälter nimmt in seiner Mischung aus rechtwinkeligen und runden Formen auf das Innenleben Bezug. Dieses besteht aus einer Reihe identisch aussehender DVDs, die durch die transparenten Wände schimmern; die Box enthält neunundzwanzig Film- und Videoarbeiten Valie Exports“. So beschreibt Johanna Schwanberg das Objekt, dessen Inhalt in unserer Ausstellung in der Abfolge von 29 Tagen zu sehen sein wird. An jedem Tag der Ausstellung wird ein Film/Video, entsprechend den 29 Video DVDs der Box, präsentiert. Neue Laser-Installationen, basierend auf Entwürfen von 1973, sowie Modelle von Werken, die für die Ausstellung „Valie Export – Archiv“ im Kunsthaus Bregenz entwickelt wurden, ergänzen einander durch ihre Wechselbezüge und formalen Entsprechungen.

Die fotografischen Bildquellen der „Modelle“, in denen zeichnerische Gesten physisch in den Raum ausgreifen, bilden auch die Grundlage der Laser-Installation „Aus dem geomtrischen Skizzenbuch der Natur: Geometrische Figurationen in Dünenlandschaft, 1973/2012″. Auch sie fungieren als Modelle, allerdings als Paradigmen nachgestalteter Raumerfahrungen. Dabei wird der illusionäre Bildraum der Fotografie durch Zeichenbewegungen verstärkt und diese mittels Lasertechnik in den realen Raum der Galerie erweitert.

Die einzelnen Entwicklungsschritte des Entwurfes von 1973 bis hin zur Konkretisierung der damals schon angedachten Laser-Installation bilden, neben der Präsentation der neuen Video DVD Edition, den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung.“

(Text: Charim Galerie Wien)

her ARTic impression:

Interessante Werkauswahl: das Zusammenspiel zwischen Televisionärem und den Fotografien mit dreidimensionalem Vorsatz hinterfragt die Wahrnehmungsbeziehungen im Raum. Die Laser-Installation diente als i-Tüpfelchen der Ausstellung, auch wenn die Abspielfolge des Lichtstrahls nicht ganz klar schien. Schade war es, dass man die einzelnen Tonsignale der Videos nicht hören konnte und die Fernseher in ihrer Aufstellung vielmehr an eine einheitliche Installation erinnerten, anstatt für sich zu wirken. Man versuchte den Bezug zu den einzelnen Filmen zu finden, fand jedoch keinen.  Das Geblinker der einzelnen Videos verstärkte den Effekt der Kisten-Installation. Die Aufmerksamkeit zog es allemal auf sich; am Inhaltlichen mangelte es leider. Dennoch: absolut sehenswert. Das Angebot der DVD ist für Valie Export Fans auch nicht zu verfehlen.

Ausstellungsdauer: 27.01.2012 – 03.03.2012

Fotos von Dimitri Aschwanden.

STYLE NEEDS NO COLOR (SNNC) – RUN VIE exhibition opening @ Raum D quartier 21

Style Needs No Color vertritt die Auffassung, dass überbordende Farbauswahl und der Einsatz von pseudo-flashy Techniken das schwache Fundament einer Nicht-Existenz künstlerischer Inspiration nicht überdecken sollten. Die Philosophie, dass sich Kunst als solche gegen alles und jeden behaupten kann – ohne unnötig gewählte Ablenkungsmanöver – wird mit allen Mitteln gelebt. SNNC-Artists beschränken ihre Farbpalette nicht nur deshalb auf Schwarz und Weiß.

„Schwarz auf Weiss Vol.II“, die Nachfolge-Veröffentlichung ihrer erfolgreichen ersten Buch-Publikation, zeigt diesen Stil in voller Konsequenz. Seit Anbeginn manifestiert sich die Aktionsfähigkeit des Kollektivs in manigfaltier Form: Ausstellungen, Live-Painting-Shows, Installationen und Streetwear-Kooperationen mit KünstlerInnen aus aller Welt. Das Schwarz/Weiß-Illustrations-Netzwerk gedeiht und wächst unaufhaltsam.

Künstler:
Clemens Behr (installation), Sebastian Tomczak (motion graphic), Nychos, Pixelpancho, Kornel, Dust, Bark in the Yard (BITY, represented by BSCT), Aro, Frau Isa, Mike Hyp, Ink-A-Zoid, Pisa73, Base23, Manuva

(Quelle www.runvie.at)

her ARTic impression:

Das Projekt ist noch in seinen Anfängen, doch die Publikation ist durch die vielfältige künstlerische Gestaltung und dem idealen Konzept durchaus empfehlenswert (und für 20,- Euro auch leistbar). Die Ausstellung, vor allem die Installation von Clemens Behr, sollte man sich auch nicht entgehen lassen. Nychos (YES KIDS IT’S ACID – Urban Art Attack @ Donaukanal Wien) und Frau Isa (Interview mit Frau Isa) sind auch dabei.

Fotos von Dimitri Aschwanden.

Mehr auf facebook und flickr.

Magie des Objekts @ Leopold Museum

Der Künstler und Kurator Fritz Simak zeigt im Leopold Museum erstmals eine Auswahl von Photoarbeiten aus dem SPUTNIK Fundus, bestehend aus der Sammlung Andra Spallart und der Sammlung Fritz Simak. Rund 200 Werke bieten eine faszinierende Zusammenschau und Gegenüberstellung historischer Aufnahmen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit Werken zeitgenössischer Photographie. In neuem, oftmals überraschenden
Kontext werden bekannte »Klassiker« der Photographie mit weniger bekannten, aber nicht minder wichtigen Beispielen präsentiert.

In einzelnen Themengruppen stehen sich historische und zeitgenössische Photographien gegenüber, Künstler unterschiedlicher regionaler Zugehörigkeit werden nebeneinander präsentiert. So fügt sich zum Beispiel die zarte Blumendarstellung aus der Serie »Wildnis« des zeitgenössischen Photokünstlers Robert Zahornicky von 1999 nahtlos an einen Naturselbstdruck aus der k. k. Staatsdruckerei Wien aus dem Jahr 1853. Das Photo einer zweigeteilten Zwiebel der deutschen Bauhausphotographin Elsa Thiemann aus den 1930er Jahren hängt neben der Darstellung einer durchschnittenen Artischocke, die 1930 vom Amerikaner Edward Weston festgehalten wurde. Schließlich stellt der Kurator die »Self service indoor sculpture« des österreichischen Konzeptkünstlers Erwin Wurm von 1999 einem in Pose gebrachten weiblichen Akt des Photostudios Manasse aus den 1920er Jahren gegenüber.

Zahlreiche weitere Werke unterschiedlicher Epochen fügen sich in der Ausstellung assoziativ und höchst anregend unter eine gemeinsame thematische Klammer. Die Ausstellung zeigt unter anderem Photoarbeiten von Berenice Abbott, Ansel Adams, Herbert Bayer, Harry Callahan, Giovanni Castell, Madame D´Ora, Alfred Ehrhardt, Ernst Haas, Leo Kandl, Hans Kupelwieser, Elfriede Mejchar, Richard Misrach, Wolfgang Reichmann, Aaron Siskind, Josef Sudek, Arthur Tress, Todd Watts und Edward Weston.

(Textquelle: www.leopoldmuseum.org)

her ARTic impression:

Die ungewohnten Gegenüberstellungen der Bildstrecken fordern den Betrachter zum aktiven Sehen auf. Leben und Tod, Fleisch und Gras, Reales und Imaginäres, Natürlichkeit und Künstlichkeit sind einige der motivischen Gegenüberstellungen, die die höchst spannende Vielseitigkeit der Ausstellung bilden. „Magie des Objekts“ verfolgt eine klare Antihistorik und motivische Gegenästhetik in der Auswahl der Werke, sowie ihrer Platzierung. Historische und zeitgenössische Photographien stehen sich gegenüber. Der Betrachter wird dazu aufgefordert eigene Vorstellungen zur Geschichte des Werks zu entwickeln. Die belehrenden Texte bleiben aus, die Konzentration liegt auf die künstlerische Eigenständigkeit der Werke. Für diejenigen, denen die Ausstellung zu wenig Text bietet, empfehle ich die lesenswerten Aufsätze im Katalog, die bei dortigen Sitzmöglichkeiten konstenlos zur Verfügung gestellt sind.

Eine Führung vom Kurator folgt am 25. August um 18 Uhr.

Preise:
(mehr unter leopoldmuseum.org)

Erwachsene 11,00 EUR
Freier Eintritt: Presse, Fremdenführer, LM-Museumsfreunde, ICOM (alle mit Ausweis), Kinder bis 7 Jahre
Ermäßigungen gegen Ausweis: Schüler, Lehrlinge, Studenten bis 27 Jahre, Präsenz- und Zivildiener, Beschäftigungslose, Behinderte, Kriegsversehrte, Kunsthistorikerverband, Kunstvermittlerverband, Mitarbeiter von Hauptsponsoren, Gebührenbefreite 7,00 EUR
Senioren 8,00 EUR
Familienkarte: 2 Erwachsene + bis zu 3 Kinder (unter 18 Jahre) 23,00 EUR

As He Remembered It – STEPHEN PRINA @ secession

Der Künstler, Musiker und Komponist Stephen Prina eigne sich Werke von anderen KünstlerInnen an. Indem er dieses Ausgangsmaterial reinszeniert, in andere Medien überführt oder einzelne Motive aufgreift und Strukturen variiert, erzeugt er vielschichtige Bezugssysteme, in denen sich persönliche, kunsthistorische und mediale Narrative gegenseitig befruchten. As He Remembered It basiert auf einer gemeinsamen Erinnerung mit dem Künstler Christopher Williams an ein Einbaumöbel des Architekten R.M. Schindler, das aus seinem räumlichen Zusammenhang gerissen, bemalt und als Einzelstück rekontextualisiert wurde.

Das Inventar von 28 Objekten ließ Prina anhand von Plänen und Fotos nachbauen (Konstruktionszeichnungen und Ausgangsmaterial im Katalog nachzusehen). Küchen-, Wohn-, Schlaf-, Ess- und Badezimmermöbel werden Träger des „Pantone Honeysuckle 2011 Color of the Year“.

Stephen Prina, geboren 1954 in Galesburg, Illinois, lebt und arbeitet in Los Angeles und Cambridge, Massachussetts.

„Sometime in the early-to-mid 1980s, Chris Williams and I found ourselves on La Brea Avenue in Los Angeles late one night. From across the street, we could see a spotlighted, pink object showcased in a storefront window, but, from our vantage point, we could not identify it. We crossed the street to gain a closer look. Conveniently, a label describing the object as a piece of furniture by R.M. Schindler was on display. Clearly, this desk that had once been built-in had been pried out of its surroundings with the attempt to render it freestanding. However, it appeared to us as an amputated limb.“

(Quelle: secession Publikation)

her ARTic impression:

Prina schafft ineinander sich abstimmende Bezugssysteme, deren einzelne Versatzstücke auf die mediale Beschaffenheit selbst und deren Wahrnehmungsmodus abzielt. Dabei entwickelt der Betrachter ein Sehen beeinflusst von Aneignung und Hervorhebung. Prina bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Zeigen und Verbergen – dem Betrachter bleibt dabei selbst überlassen wie er diese Versatzstücke wahrzunehmen hat.

Die Serie „Exquisite Corpse: The Complete Paintings of Manet“ ebenfalls im Hauptraum der Secession ausgestellt, wendet sich von der Skulptur ab und behandelt den ähnlichen metaphorischen Gedanken wie die „Möbelskulpturen“. Mit schwarzen Schnüren hat er die Formate einiger von Manets um 1874 geschaffenen Gemälde auf planer Wand abgesteckt – die Landschaft um Argenteuil kann bestenfalls imaginiert werden.

Die Frage ist nun was übrig bleibt von rosagefärbten Möbeln entfremdet in ihrem habituellen Sehen, sowie von malerisch aufgelösten Meisterwerken Manets.

Monochromer Minimalismus mag nicht alle Geschmäcker treffen, um das individuelle Raumerlebnis ist es jedoch alle mal wert.

Zu sehen bis 21. August 2011 in der secession.

Take me here by the Dishwasher – RAGNAR KJARTANSSON @ BAWAG Contemporary

Die neue Arbeit Take me here by the Dishwasher, die Ragnar Kjartansson für seine erste Soloshow in Österreich konzipiert hat, ist, auch wenn es zunächst nicht so aussieht, eine Art Selbstporträt. Die Empfängnis des Künstlers liegt in einem Nebel aus Realität und Fiktion. In eine Familie von Schauspielern und Theaterleuten geboren, könnte Ragnar Kjartansson auf dem Set von Islands erstem Spielfilm gezeugt worden sein. In Morosaga von Reynir Oddsson spielt seine Mutter, Guorun Asmundsdottir, eine einsame Hausfrau, der Vater, Kjartan Ragnarsson, den Installateur, den sie in ihren Träumen ruft, um den Geschirrspüler zu reparieren. In der Tat fällt Kjartans Conceptio in den Zeitraum, in dem die Liebesszene auf dem Küchenboden gedreht wurde. Der alles entscheidende Moment ist im Filmloop zu sehen und wird von Troubadouren kommentiert. Sie entsprechen dem nordischen Sänger- und Erzählertypus und dingen zur herzzerreißenden Musik von Kjartan Sveinsson folgenden Filmdialog:

Mum (sieht zum Geschirrspüler hin): Here she is.

Dad (mit Kennerblick): Is this her?!

Mum (zweifelnd): Yes, here she is. Do you think she can be fixed?

Dad (derb): Yes, I’m afraid so.

Mum (hingebungsvoll): I’m desperate!

Dad (beruhigend): Don’t you worry. I’ll fix it.

Mum (einladend): Show me what you can.

Dad (zweifelnd): Here?

Mum (herausfordernd): Are you a man? Show me what you can do to me… Take off my clothes! Take me, take me here by the dishwasher.

Den mütterlichen Filmtraum übersetzt Ragnar Kjartansson in verkatertes Männervolk nach durchzechter Nacht. Nun ist der Typus des Kerls an der Gitarre eine Chiffre der globalen Jugendkultur und des rebellischen Aufbegehrens, ein geradezu ikonisches Symbol der Popmythologie. In der Ausstellung geht das Superzeichen eine leicht erschöpfte Verbindung mit Bier und Zigaretten ein. Eine Soundskulptur entsteht, eine Social Sculpture als kaputte Version von Nietzsches immerwährender Wiederkehr des Gleichen. Mantramäßig wiederholen die Barden ihr Lied und binden die Szene in einen endlosen Loop ein, der die Grenzen zwischen Kunst und alltäglischem Leben verwischt.

Komponist des Soundtracks ist Kjartan Sveinsson, Keyboarder der legendären isländischen Postrockband Sigur Ros und Autor großartiger Filmmusik, darunter jener für den oskarnominierten Kurzfilm The Last Farm von Runar Runarsson.

(Quelle: Publikation der Ausstellung, BAWAG Contemporary)

her ARTic impression:

Ragnar Kjartansson’s „Art Selbstporträt“ ist eine Ode an das Leben. Seine Arbeit ist eine Erhebung zum Status von Künstler, Werk und Publikum. Der Künstler produziert Requisiten für Tableaux Vivants und Rollenspiele, die Teile eines sehr persönlichen Identitätspuzzles sind. In der Ausstellung geht es um den Moment, es ist ein zeitgebundenes Werk, in dem Kunst passiert – Performance, die Kunst des Flüchtigen, der Inszenierungen, der Extreme und der Show.

Der ahnungslose Betrachter betritt den Ausstellungsraum und wird konfrontiert mit Straßengesang geschmückt mit gelb etikettierten Bierflaschen und Zigarettenstummeln. Mehr oder weniger gefangen in seiner Rolle bewegt man sich nun durch den Raum.

Doch nicht. In Wahrheit sucht man sich ein Eck, möchte nicht stören und sich der Situation so außerhalb wie nur möglich klar werden. Performance Situationen brauchen in Ausstellungsräumen eine besonders lange Eingewöhnungszeit. Der Gesang wirkt allerdings sofort auf den Besucher ein, der sich dieser emotionalen Situation nun hingeben muss. Zum Trinken wird man aufgefordert. Rauchen ist erlaubt, Zigaretten stehen zur freien Entnahme. Ein ruhiges Gemüt stellt sich ein, der den einen oder anderen zur Nostalgie aufrufen könnte. Kjartansson wirkt mit seiner Kunst stark auf den Besucher ein, falls dieser sich ihr auch hingibt.

Performance erstreckt sich in die Tiefe der Zeit, ist Kunst mit Handlungsbedarf.

Empfehlenswert für besonders Erlebnisfreudige der Kunst.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Juni.