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Street and Studio – Von Basquiat bis Séripop @ Kunsthalle Wien

Street and Studio  – Von Basquiat bis Séripop behandelt die Bereiche künstlerischer Aktion in denen es zu Überschneidungen im öffentlichen Raum und Atelier kommt. Die Straße, der öffentliche Raum, steht für schnelles, spontanes Schaffen, das oft auch illegal und unter großem Zeitdruck vor sich geht. Das Atelier ist das traditionelle Umfeld des Künstlers, in dem dieser nach seiner Inspiration und künstlerischen Produktivität in Ruhe arbeiten kann.

Im Zentrum von Street and Studio steht die Arbeit von Jean-Michel Basquiat (1960-1988), der Straße und Atelier nicht als Gegensatz betrachtete, sondern seine Themen und Motive aus ihr gewann und daraus eine unverwechselbare künstlerische Handschrift entwickelte.

Basquiats Werke werden mit Arbeiten von KünstlerInnen nachfolgender Generationen von Sophie Calle über Dara Birnbaum und Robin Rhode bis Shaun Gladwell in Beziehung gesetzt, welche die Faszination für die ästhetische Revolte im öffentlichen Raum widerspiegeln. Jüngere Vertreter von Neoexpressionismus bis Streetart von Séripop und Banksy zeigen, wie sich die Dynamik von Plakaten, Graffititechniken und Performances unter den zeitgenössischen Ausdrucksbedürfnissen und neuen Medien transformiert haben.

Die Grenzen zwischen Atelier und Straße lösen sich auf, der öffe ntliche Raum wird zu einem Ort der Kommunikation und der Verbindung zu einer Gegenwelt künstlerischer Freiheit: „…die Straßen erscheinen mir wirklich toll, sie sehen aus wie Kunstwerke….ich wollte die Stadt rot anmalen, ich wollte sie schwarz anmalen.“ (Jean-Michel Basquiat).

Als freier und entkommerzialisierter Bereich ist der öffentliche Raum dem Spannungsverhältnis zwischen Möglichkeiten und Verboten ausgesetzt. Die KünstlerInnen re-interpretieren bekannte Zeichen und Codes. In einem Aufstand der Zeichen reichte schon bald ein normaler tag im Wettstreit um Ruhm nicht mehr aus, da es in der Masse unterging. Qualität wurde wichtiger als Quantität. Man begann die Schriften, größer und aufwändiger zu gestallten wonach sich der Ausdruck piece entwickelte. Die Techniken entwickelten sich weiter und es kam zu einer Vielfalt urbaner künstlerischer Interventionen, die heute als Streetart bekannt ist.

Stencilart, das Arbeiten mit pochoirs beziehungsweise Schablonen, ist eine spezielle Technik von Graffiti und Streetart, die ihre oft semiabstrakten Tags durch konkrete Formen und klare Motive ersetzt. Die erzählende Eigenschaft der Arbeiten, die häufig an Comic-Ausschnitte erinnern, wird erhöht.

KünstlerInnen

Rita Ackermann / Charlie Ahearn / Eric Andersen / Kader Attia / Banksy / Jean-Michele Basquiat / Data Birnbaum / Blek le Rat / BLU / Sophie Calle / Francesco Clemente / Jane Dickson / Brad Downey / Christian Eisenberger / Futura / Dani Gal / Ingo Gienzendanner (GRRRR) / Shaun Gadwell / Keith Haring / Jenny Holzer / Mark Jenkins / Leopold Kessler / Lady Pink / Sol LeWitt / Basim Magdy / Art Marcopoulos / miz JUSTICE /Ramm:ell:zee/ Robin Rhode / Evan Roth / Séripop / Rita Vitorelli/ Andy Warhol

Jean Michel Basquiat wurde in Brooklyn als Sohn eines haitianischen Vaters und einer puerto-ricanischen Mutter geboren, mit der er schon als Kind regelmäßig New Yorker Museen besuchte. Als er 1968 Opfer eines schweren Autounfalls wurde und einen Monat im Krankenhaus bleiben musste, schenkte ihm seine Mutter Gray’s Anatomy, ein 1901 von Henry Gray herausgegebenes Nachschlagewerk mit eindrücklichen 1.247 anatomischen Gravuren. Die Illustrationen übten eine nachhaltige Wirkung auf ihn aus. So nannte er etwa die in den späten Siebzigerjahren von ihm gegründete Band „Gray“ (Musikvideo).

1982 begann seine internationale Karriere: Basquiat war der jüngste von 176 KünstlerInnen, deren Werk bei der „documenta 7“ in Kassel präsentiert wurde. Immer auch mit der Subkultur in Berührung, gestaltete er Plattencovers für befreundete Künstler wie die Rapper Fab 5 Freddy, Toxic, A-One und Ramm:ell:zee und verkehrte regelmäßig als Gast DJ und Interpret bei den hippen Clubs von New York und Los Angeles.

Ab 1983 intensivierte sich seine Freundschaft mit Andy Warhol was zu verschiedenen gemeinsamen Projekten führte. 1984 stellte Basquiat als einer der ersten afroamerikanischen Künstler im Museum of Modern Art in New York aus. Es folgte eine Phase intensiver Ausstellungs-und Reisetätigkeit bis ins Jahr 1987. Ein Jahr nachdem Andy Warhol, sein wichtiger Mentor, am 27.Februar 1987 überraschend ums Leben gekommen war, starb Basquiat 27-jährig an einer Drogenüberdosis. Trotz seines frühen Todes erschuf der Autodiktat ein imposantes Werk mit einer unbekehrbaren Handschrift. Sein Freund der Rapper und Sprayer Fab 5 Freddy aka Fred Bradawake, äußerte sich folgendermaßen treffend dazu: „Ich glaube Jean-Michel lebte wie eine Flamme. Er brannte strahlend hell. Dann ging das Feuer aus. Doch die Glut ist noch nicht erloschen.“ (2007)

KuratorInnen: Cathérine Hug, Thomas Mießgang

her ARTic impression:

Neben den vielen Werken von Jean-Michel Basquiat, einer enormen Collage-Installation von Séripop, „versteckte“ Menschenfiguren von Mark Jenkins und einigen Videos über Streetart von Banksy bis Blu, zeigte sich mein Interesse auch den „kleineren“ und weniger prominenten KünstlerInnen der Streetart Szene. So gefiel mir besonders ein Video über den schweizer „Strichmännchenkünstler“ Harald Naegeli, der aufgrund seines Sprühens minimalistischer Figuren im öfftenlichen Raum, verhaftet wurde. Naegeli wuchs noch ganz im Einfluss des Dadaismus auf. So erschien ihm Graffiti oder Streetart als neue Form künstlerischer Rebellion gegen eine uniformierte Stadt als besonders ansprechend. Seine Gefängnisstrafe sah er nicht als Demütigung an, doch fragte er sich welcher Künstler aufgrund seiner Kunst schon ins Gefängnis landen musste. „So endet man mit Gekrikel und Gekrakel…(er lacht)…ist natürlich nur eine Vorstufe.“

Die Ausstellung zeigte neben international bekannten auch lokale Streetartkünstler wie miz JUSTICE oder Christian Eisenberger.

Street and Studio befasst sich mit einer umfangreichen Sammlung der Streetart in all ihren Formen. Die Ausstellung hilft zum Verständnis der Entwicklung dieser künstlerischen Bewegung und bietet eine äußerst ansprechende Darbietung einer modernen und hochaktuellen Kunstepoche.

Unbedingt empfehlenswert für solche die Streetart als eigenständige Kunstrichtung bereits für sich entdeckt haben.

Street and Studio – Von Basquiat bis Séripop

25.Juni bis 10. Oktober 2010 in der Kunsthalle Wien

Keith Haring @ Kunsthalle Wien

Die vom 28. Mai bis 19. September 2010 laufende Ausstellung in der Kunsthalle Wien zeigt eine vielschichtige Schaffensperiode des vor 20 Jahren verstorbenen  Street Art Künstlers Keith Haring. Keith etablierte sich in den Jahren 1978 bis 1982 in New York und erlebte zu dieser Zeit seinen Aufstieg als internationaler Pop-Art Künstler. Die Schau befasst sich  mit seinen frühen experimentellen Jahren.

„Der 1958 in Reading, Pennsylvania, geborene Keith Haring zeichnete schon in jungen Jahren Cartoons und lernte, wie sich durch eine einfache Linie Bewegung, Gestik und Gefühl vermitteln lassen. Bereits damals entschloss er sich, Künstler zu werden. Um die Sorgen seiner Eltern zu zerstreuen, ob er sich damit seinen Lebensunterhalt verdienen könnte, besuchte er für kurze zeit eine Schule für Werbegrafik in Pittsburgh bevor er nach New York ging. 1978 begann er an der School of Visual Arts zu studieren und die seiner Meinung nach aufregendste Stadt der Welt zu erkunden. Bald wurde Haring zum fixen Bestandteil der Kunstszene und schwulen Subkultur. In seinen ersten Jahren in New York experimentierte Haring mit musterartigen geometrischen Formen, beschäftigte sich mit Performance und Video und hielt seine Überlegungen zur Kunst in Tagebüchern fest. In den 1980-er Jahren fand er zu seinem unverwechselbaren Vokabular, für das er heute bekannt ist. Während seiner kurzen, aber kometenhaften Karriere, die mit Hunderten anonymen Kreidezeichnungen in New Yorker U-Bahn-Stationen begann, zeigte Haring seine Arbeiten auch in Museen und Galerien auf der ganzen Welt. Trotz seines beruflichen Erfolgs blieb der Künstler immer seiner Philosophie treu, dass Kunst für alle sei. Er schuf über 50 Wandmalereien im öffentlichen Raum, arbeitete mit Kindern und eröffnete in New York und Tokyo seine umstrittenen Pop Shops.

Keith Haring:1978-1982 umspannt die Zeit, in der Haring seinen künstlerischen Stil entwickelte, der ihn von abstrahierten Formen zum Figurativen führte. Die Ausstellung beleuchtet sein Interesse an verschiedenen Medien, seine Rolle als Kurator in der pulsierenden New Yorker Kunstszene und seine kraftvolle und provokatie Bildsprache.

Kuratorin/Curator: Raphaela Platwo¹“

her ARTic impression:

Fasziniert war ich von seiner Arbeit „A Circle Play“ 1979 VHS in DVD. Zu sehen war ein junger Mann sitzend in der Mitte eines riesigen weißen Papiers, ein Buch haltend. Während Keith das Blatt mit schwarzer Farbe bemalte und somit seine typischen von Comic inspirierten „Bewegungsmuster“ entstehen ließ, las der junge Mann ein Buch vor.

Das Wort „Circle“ kam dabei oft zur Sprache und Haring malte währenddessen rund um den Vorleser herum, bis kein Platz mehr für ihn da war. Mich begeisterte es den Künstler selbst bei der Arbeit betrachten zu dürfen, wie er ohne lang zu überlegen ein ganzes Blatt fühlte. Die Bewegungen seiner Hand wirkten wie einprogrammiert und ich konnte nicht nachvollziehen wieso er Streifen malte, wenn aber doch wieder das Wort „Circle“ fiel. Der vorgelesene Inhalt ergab nicht viel Sinn, aber beide Aktionen schienen ohne einander noch viel skurriler zu sein, als sie ohnehin schon waren.

Ein weiteres Video, indem Haring wieder das Blatt fühlte, zeigte wie er plötzlich selbst zu seiner Kunst eingebaut wurde und metaphorisch nicht mehr „aus ihr raus konnte“.

Neben den Videos, konnte man ebenso seine Tagebucheintragungen betrachten. Keith war Leser und beschäftige sich mit der Literatur, was in seinen Arbeiten, vor allem seinen Collagen und Flyern widergespielt wird. Er experimentierte mit der Sprache und provozierte somit sein Publikum [„Pope killed for freed hostage“].

Er kreierte ein eigenes Alphabet und widmete der geschriebenen Sprache eine eigene Ästhetik. Nicht nur die Schrift, sondern auch gesprochene Wörter waren Teil seiner Kunst. So filmte er seine Freunde während sie bestimmte Buchstaben oder Wortcollagen selbst wiederholt wurden [Machines, Lick Fat Boy, Phonics Artikulation].

[“Haring documented his aesthetic discoveries in journals filled with precise notes and careful illustrations. One of the early artistic experiments he detailed in his journal involved the exploration of a set of geometric forms ranging from a simple L-shape to complicated, interlocking designs. A group of twenty-five red gouaches in this exhibition illustrates the diversity of the forms he developed during this period. He was interested in how the resulting alphabet of shapes could be assembled in various combinations to simultaneously create vivid patterns of forms and of the eloquent negative spaces between them. He was particularly concerned with the effects these patterns had on the way someone would view as a whole. As he wrote in his journal:

(A) Eye tends to be drawn to “individual” shapes instead of the structure created by an entire “group” of shapes.

(B) If each shape operates only in a positive/negative relationship when viewed as a member of a group, the effect is one of more unity and more flowing movement. Eye tends to view as a whole, instead of grouping individual shapes.

Both of these principles can operate effectively on separate levels or on a combined level, but consideration of these facts is important.”²]

Keith war nicht nur Künstler sondern auch selbst Kurator und zeigte somit sein Engagement für  eine weniger exklusive Kunstszene. Er kündigte die Veranstallung über zahllose kopierte Flyer an, die als einzigartige Kunstwerke erhalten geblieben sind.

[Club 57 INVITATIONAL – 1980. GUEST CURATOR: KEITH HARING. Thursday – May 29 – 1980: 9 pm. Club 57 – 57 St. Marr’s Pl. NYC. INFORMATION TO INVITED ARTISTS: please bring work to CLUB 57, on May 29 between 12noon and 4am (with required hanging materials (?)) no work accepted after 7pm, the club will be open the following day to pick-up the work. ALSO a small Xerox booklet will be assembled and be available for sale at the show to pay for the show. Contributors receive one free copy. Artists (?) are asked to submit any material (one page) suitable to be xeroxed before May 20, 1980. To: Keith Haring (…)³].

Das wohl auffallendste und in seiner Größe erstaunlichste Werk war der über einige Meter lange Papierstreifen, bemalt mit seinen geometrischen Mustern. Haring zeichnete keine Skizzen, somit ist jedes Werk einzigartig und unverwechselbar in seiner Form. Als er erfuhr, dass er an AIDS erkrankt worden ist, engagierte er sich mit seiner Kunst für gemeintätige Aktionen und deklarierte so sein Erbe:„Die Welt ist dieses Ding um mich herum, das ich für mich gemacht habe und für mich sehe. Die Welt wird es jedoch auch weiter geben, ohne dass ich da bin, um sie zu sehen, sie wird dann nur nicht „meine“ Welt sein. Das interessiert mich an der Situation, in der ich mich jetzt befinde, am meisten. Ich mache Dinge in der Welt, die nicht mit mir verschwinden werden.“

Keiths Idee war Kunst für jedermann zu machen, er nutzte den öffentlichen Raum als Forum über das er sich an alle und jeden wenden konnte. Sein Einfluss zeigt sich bis heute an zeitgenössischen Künstlern wie Jeff Koons, aber auch bekannten Vertretern der Streetartszene wie Banksy, SWOON oder Shepard Fairey, die es ebenso bis zu den internationalen Galerien und Auktionshäusern geschafft haben.

Quelle: Keith Haring: 1978-1982 Die frühen experimentellen Jahre KUNSTHALLE wien, halle 2, 28. Mai – 19. September 2010