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dOCUMENTA (13) @ Kassel, DE

Zeit zu verschnaufen, Zeit zu schreiben. Der Sommer war äußerst ereignisreich, mein Kunsthighlight die dOCUMENTA (13) in Kassel.

Die weltweit bedeutendste Ausstellungsreihe, die seit 1955 alle fünf Jahre stattfindet, definiert die diesjährige Kuratorin der documenta Carolyn Christov-Bakargiev:

„Die dOCUMENTA (13) widmet sich der künstlerischen Forschung und Formen der Einbildungskraft, die Engagement, Materie, Dinge, Verkörperung und tätiges Leben in Verbindung mit Theorie untersuchen, ohne sich dieser jedoch unterzuordnen.

Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen Politisches untrennbar ist von einem sinnlichen, energetischen und weltgewandten Bündnis zwischen der aktuellen Forschung auf verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Feldern und anderen, historischen ebenso wie zeitgenössischen Erkenntnissen.

Die dOCUMENTA (13) wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem berharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen.“ (Carolyn Christov-Bakargiev in Das Begleitbuch/The Guidebook dOCUMENTA (13) S.2).

Die Kunst soll sich nach dieser Erklärung ihrer eindeutigen Ordnung und Begrifflichkeit entziehen. Eine Zentrierung wird negiert, so auch in lokaler Hinsicht. Die diesjährige documenta spielte sich neben Kassel in Kabul & Bamiyan (Afghanistan), Alexandria & Kairo (Ägypten) und Banff (Kanada) ab.

Die Frage nach dem was Kunst ist, musste man sich sprichwörtlich erarbeiten, denn nach klaren Definitionen konnte man dort vergeblich suchen. So stellte man sich oft die Frage, was nun Teil der Ausstellungsreihe dOCUMENTA (13) sei, vor allem wenn sie nicht in geschlossenen Räumen gezeigt wurde: zwei Hunde mit jeweils einem pink bemaltem Bein (Pierre Huyghe)? Der Windzug im Fridericianum (Ryan Gander)? Die Erdatmosphäre als Unesco-Welterbe (Amy Balkin)? Oder doch gleich wir selbst (tanzend, singend, sich wundernd bei Tino Sehgal)?

„Es ist dieser Moment, um den die Documenta kreist: Sie glaubt an die Badewannen-Erfahrung, an die Begegnung mit den Dingen. Denn in den Dingen ist etwas verwahrt, eine Geschichte oder eine Empfindung. Und deshalb sollen wir uns ihnen hingeben, uns in sie hineinversetzen, vorstellungshalber. So könnte das neue Denken beginnen: mit einem Akt der Einfühlung.“ (zeit.de Artikel „Lost in Kassel“ von Hanno Rauterberg)

In den Dingen Leben zu erkennen, lässt dann doch an einen bestimmten Begriff denken:   Animismus (und an die Ausstellung des letzten Winters in der Generali Foundation Animismus. Moderne hinter den Spiegeln).

In einer „Reaktivierung des Animismus“, wie sich in der Ausstellung der Generali Foundation thematisiert wurde, geht es um die Fragen, ob die westliche Vorstellung von Leben, Seele, Glaube, etc. sich als „Prozesse von Subjektivierung und Objektivierung denken lassen, wo die Subjekt/Objekt Relation in Frage gestellt wird. Ein relevanter Gedanke angesichts der heutigen technologischen oder biogenetischen Möglichkeiten und Entwicklungen.

Auch wenn die dOCUMENTA (13) diese Gedanken nicht konkret ausspricht, so scheinen sie doch mitzuschwingen. Doch viel wichtiger in ihrer Definition scheint dieser vollkommene fast zwanghafte Entzug einer solchen. Und wer trägt die Verantwortung? Natürlich war es nicht ganz so führungs- und ordnungslos. Für alles Gute und Schlechte durfte man Carolyn Christov-Bakargiev die Schuld zuweisen (was die Presse und Besucher dann größtenteils auch taten).

In der Stimmung der Kunsterfahrung lag etwas Unbekümmertes. Vor allem seitens der Besucher spürte man eine Ungezwungenheit. Niemand will hier einem etwas verkaufen, niemand will hier einem eine neue Weltordnung aufzwingen – oder zumindest nicht direkt. Die Kunst schien sich in „eine Form lebender Kultur (zu) erfahren, als Bestandteil des Alltags“ (Carolyn Christov-Bakargiev).

Als lebend wird die Kultur/Kunst nur empfunden, wenn man sie selber zum Leben erweckt beziehungsweise versucht sich auf sie einzulassen. Das braucht Zeit. So schien es mir absolut unmöglich die dOCUMENTA in zwei Tagen abzulaufen. Nicht um der Willen jedes Kunstwerk zu examinieren, sondern um ein Gefühl des Einlebens, auch in der Stadt selbst, herzustellen (für den neuesten Schrei bitte suchen sie die nächstbeste Kunstmesse auf).

Dieses Phänomen Teile der Stadt selbst und ihre Bürger und Mitmenschen in ein temporäres Kunstfeld zu umwandeln, machte den besonderen Charakter der dOCUMENTA aus. Gehetzt, gedrängelt wurde nicht, so spielte das Schlangestehen auch keine große Rolle, da man sich schnell mit den Nachbarn aus aller Welt zu unterhalten begann und die jeweiligen Erlebnisse und Eindrücke austauschte.

„Es ist das Wagnis, die getrennten Sphären miteinander zu befreunden: den Widersinn und die Ratio, die Geister und den Geist, die Poesie und das Politische.“ (H.R.)

Untitled (Memory is your image of perfection)

Barbara Kruger, Untitled (Memory is your image of perfection)

TATE Gallery of Lost Art

The Gallery of Lost Art ist eine online Ausstellung, die die Geschichten verschollener Kunstwerke aufdeckt. Begonnen am 2. Juli 2012 zeigt die einjährige virtuelle Galerie einige der wichtigsten Werke der letzten 100 Jahre von mehr als 40 Künstlern der Moderne u.a. von Marcel Duchamp, Joan Miró, Willem de Kooning oder Tracey Emin.

Kuratiert von Tate und entworfen von ISO Studios erforscht die Online Galerie die moderne Kunstgeschichte aus einem völlig neuen Blickwinkel.  Abseits der musealen Sammlung der Institutionen existieren die verschwundenen Kunstwerke lediglich im virtuellen Raum, präsentiert durch erhaltene Fotografien, oftmals nicht in bester, wie heutzutage sonst gewohnter, Qualität.

Ein interessantes Projekt mit genügend Platz für Interaktionen und Diskussionen.

Critique d’art

Bild

Gabriel Cornelius von Max (1840-1915), Affen als Kunstrichter, 1889

Richard Serra, Interviews, Etc., 1970-1980

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“Sensibility is inclusive and precedes analytic awareness”- anonymous

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In San Francisco they, „Flash on it.“

A Brief History of John Baldessari

A good friend of mine said to me that if someone should tell his life story it should be Tom Waits.

Über Street Art, Meer und Angeln

Jetzt ist schon fast ein Monat vergangen seit meinem letzten Posting – die Pause war gut, der Kopf hat weiterhin gerattert – vielleicht sogar intensiver denn je. Über paar Punkte will ich eingehender reflektieren (vor allem Street/Urban Art Ausstellungen).

Einige wichtige Entscheidungen habe ich bezüglich der Weiterführung meines Blogs getroffen, um vielleicht so etwas wie Prinzipien, eine Richtung im breiten Kunstfeld oder Vorlieben/Ablehnungen zu definieren.

In diesen 2 Jahren von artpjf, wo ich unter anderem einige Ausstellungen, Festivals und andere Eventformen im Bereich Street Art besucht und darüber geschrieben habe, entwickelte sich mit der Zeit eine gewisse persönliche Grundhaltung gegenüber bestimmten Herangehensweisen dieser Kunstform.

Fangen wir bei null an.

Meine Intention mich mit Street Art eingehend zu befassen, erfolgte aus einer ehrlichen Liebe und Faszination zu dieser freien, rebellischen, ephemeren und vor allem frei zugänglichen/öffentlichen Kunstrichtung. Hype hin oder her – was mich interessiert ist das was dahintersteckt – keine kurzlebigen Sensationsphänomene, sondern pure und nackte Substanz.

Meine Ideal-Vorstellung:

Jeder kann Street Art Künstler werden, malen, sprayen – wo, wie, was und mit wem er möchte. Es gibt keine Regeln, außer die, die man sich selbst auferlegt. Das Gesetz kann eine Hürde sein, muss es aber letztendlich nicht. Der Street Art Künstler will dabei vor allem: seine Message nach außen tragen und sich profilieren, eine Wirkung in einer jeweiligen Umgebung erzielen und die Menschen zum Nachdenken bringen;  ob sie nun provozieren, besonders ästhetisch oder geschicklich wirken wollen – es gibt keine Grenzen. Dieses Ungreifbare zeigt sich genauso stark in den varrierenden Künstlerpersönlichkeiten wie auch in künstlerischen Stilrichtungen und -mittel. Der ganze Street Art Topf ist so bunt, sodass die einzelnen Farben kaum mehr fassbar sind.

Die Realität:

Stichwort 1: Geld.

Stichwort 2: Geldistnichtalles.

„What ist Street Art doing in a Gallery?“ war mal der Titel einer dieser Veranstaltungen. Gute Frage. Ich habe eigentlich keine Ahnung.

Hinter jeder Kunstrichtung verbirgt sich eine bestimmte Lebenseinstellung, ein Paradigma. Kunst dient als Reflektion. Sie kehrt von innen nach außen und umgekehrt, und das in einer unbestimmten und unendlichen Folge. Jeder empfindet und „verwertet“ Kunst anders. Natürlich kann man darüber streiten, aber meine Absicht ist es nicht auf pingelige, wissenschaftliche Weise darauf einzugehen. Ich spreche von (m)einem Grundgedanken.

Substanzloses schwimmt immer an der Wasseroberfläche. Viel interessanter ist der dunkle, tiefe Grund mit seiner fast mystischen, nie gänzlich erfahrbaren Kraft.

Aber wer einmal den großen Fisch fängt, möchte ihn so gerne nicht wieder loslassen. Höchstwahrscheinlich wollen dann auch andere sich daran beteiligen. Und schon ist der Goldfisch nicht mehr so frei wie er mal war, schwimmend im weiten, weiten Meer.

Um meine tiefblaue Metapher zu konkretisieren: Street/Urban Art verkauft sich zu sehr als  „junge, hippe, neue Kunstbewegung“ mit Untertitel „Wollen Sie nicht auch Teil dieser Kunstbewegung werden?“.

Definitionen hin oder her, was ist mit dieser Grundhaltung, dem Drang etwas verändern zu wollen, sich gegen Machtsystemen und einer Klassengesellschaft zu wehren?

„Ne, wieso? Der Typ hat facebook tausende von Likes, reblogged on tumlrbrlrbr und so, der ist cool.“

„Achso. Ich dachte es geht um freie Zugänglichkeit, um eine Message, pure künstlerische Freiheit? Doch nicht? Achso. Oke Leute, ich hol mal meine Angel.“